Wie rechts ist Deutschlands Jugend?
Die AfD triumphiert bei den Jungen, auf TikTok haben Extremisten gigantische Reichweiten – eine neue Studie sieht die Jugend in Deutschland trotzdem eher links. Allerdings mit Hang zum Populismus.
Y, Z, »Alpha« oder »Greta«: Ältere Generationen neigen mitunter dazu, den jüngeren einen Namen zu geben und ihnen bestimmte Attribute zuzuschreiben. Doch die heute 12- bis 25-Jährigen in Deutschland passen noch weniger als frühere Generationen in ein Raster. Das belegt auf knapp 300 Seiten die aktuelle Shell-Jugendstudie, die an diesem Dienstag vorgestellt wird. Die Jugend gibt es also nicht.
Gleichwohl zeigen sich Trends und teils auffällige Ergebnisse im Vergleich zu früheren Befragungen. Manches Vorurteil wird bestätigt, manches widerlegt.
Klimawandel, Coronapandemie, Kriege in der Ukraine und in Gaza, Inflation, Rechtsruck: Die gesellschaftlichen Herausforderungen sind immens, doch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Land scheint dies insgesamt nicht grundsätzlich zu erschüttern. »Viele Krisen machen noch keine ›Generation Krise‹«, heißt es in der Studie.
Und weiter, mit Blick auf die politischen Einstellungen der Befragten: Sie machten sich zwar Sorgen über Politik, Gesellschaft und Umwelt, sähen Probleme und Handlungsbedarf – und viele seien dabei für populistische Positionen empfänglich. Dennoch könne »von einer generellen Resignation oder Distanz zu Demokratie und Gesellschaft nicht die Rede sein«.
Im Schnitt leicht links der Mitte
Bei der Europawahl im Juni und den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im September erzielte die AfD bei den Erst- und Jungwählern große Erfolge. In Sachsen stimmten 31 Prozent der 18- bis 24-Jährigen für die AfD, in Thüringen 38 Prozent – jeweils deutlich mehr als bei den vorherigen Landtagswahlen. In beiden Bundesländern gilt die Partei als gesichert rechtsextrem.
Dennoch betont Mathias Albert, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bielefeld und einer der Leiter der Shell-Jugendstudie: »Wir beobachten keinen allgemeinen ›Rechtsruck‹ der jungen Generation.« Es gebe zwar »einen erheblichen Anteil verdrossener, unzufriedener Jugendlicher«, darunter auffallend viele junge Männer, »die sich abgehängt fühlen, die sich klar rechts und gegen alles, was modern erscheint, positionieren«, sagt Albert. Ihr Anteil liege bei rund 12 Prozent. »Aber diese eher kleine Gruppe prägt keinesfalls eine ganze Generation.«
Im Schnitt stünden die 12- bis 25-Jährigen leicht links der Mitte, so Albert. Den Ergebnissen zufolge ordnen sich 46 Prozent der Befragten selbst als links oder eher links ein, 18 Prozent als rechts oder eher rechts. Bei der Befragung vor fünf Jahren hätten sich junge Menschen zunächst hin zur politischen Mitte bewegt, sagt Albert, nun seien sie wieder etwas weiter an die Ränder gerückt, wenn auch nicht an extreme Ränder.
Ein getrennter Blick auf die Geschlechter zeigt, dass es so etwas wie eine Bewegung nach rechts im Wesentlichen bei jungen Männern gibt. Hier verortet sich inzwischen jeder Vierte rechts oder eher rechts, vor fünf Jahren war es noch nicht einmal jeder Fünfte. Bei jungen Frauen sieht sich gut jede Zehnte im rechten Spektrum, hier gab es nur einen minimalen Anstieg.
Gleichzeitig positionieren sich inzwischen mehr junge Männer links oder eher links, zusammen 41 Prozent. Auch junge Frauen sind tendenziell nach links gerutscht: Hier stieg der Anteil seit 2019 von 44 auf 51 Prozent. Nur 10 Prozent der Befragten können oder wollen sich politisch gar nicht zuordnen, so wenige wie nie seit 2002.
Bei der Deutung von Begriffen wie »links« und »rechts« müsse man aber vorsichtig sein, sagt Albert, ein Wahlverhalten lasse sich daraus nicht automatisch ableiten. Wer sich in der Mitte verorte, wähle unter Umständen AfD – und wer sich rechts einordne, möglicherweise die CDU.
Empfänglich für Populismus
Auch wenn Albert und seine Kollegen keinen grundsätzlichen Rechtsruck feststellen konnten, sehen sie Anlass zur Sorge. Insbesondere die Gruppe der Verdrossenen fühle sich von simplen, rechtspopulistischen Botschaften angesprochen, sagt der Soziologe. Und nicht nur sie: Insgesamt sei »ein gestiegener Anteil junger Menschen für populistische oder gar extreme Thesen empfänglich«. Etwa für die Folgenden:
»Der Staat kümmert sich mehr um Flüchtlinge als um hilfsbedürftige Deutsche.« – 48 Prozent Zustimmung
»Eine starke Hand müsste mal wieder Ordnung in unseren Staat bringen.« – 44 Prozent Zustimmung
»Deutschland wäre ohne die EU besser dran.« – 22 Prozent Zustimmung
»In jeder Gesellschaft gibt es Konflikte, die nur mit Gewalt ausgetragen werden können.« – 18 Prozent Zustimmung
Nachhaltig engagiert
Auffällig ist, dass Politik für die aktuelle Generation junger Menschen eine viel größere Rolle spielt als etwa für die Jugend in den Neunziger- oder Nullerjahren: Mehr als die Hälfte der Befragten ist laut Shell-Studie politisch interessiert. Politik gilt dabei nicht länger nur als »Männersache«; erstmals interessieren sich junge Frauen genauso dafür wie Männer.
Auch die Bereitschaft zum politischen Engagement ist in den vergangenen gut 20 Jahren deutlich gestiegen, von 22 auf aktuell 37 Prozent. Seit der letzten Shell-Studie im Jahr 2019 hat es in diesem Bereich keinen größeren Einbruch gegeben – und das, obwohl etwa der »Fridays for Future«-Bewegung mehrfach das Ende prophezeit worden war. »Vor diesem Hintergrund wäre auch denkbar gewesen, dass das politische Engagement junger Menschen wieder abnimmt«, sagt Albert. »Aber das ist nicht der Fall.«
Das mag auch daran liegen, dass der Klimawandel keineswegs von der Agenda verschwunden ist. Er bereitet vielen jungen Menschen immer noch große Sorgen, die inzwischen allerdings von anderen Ängsten überlagert werden.
Nach diesen befragt, antworteten die meisten, sie hätten Angst vor einem Krieg in Europa. An zweiter Stelle folgte die Angst, dass sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert und Armut zunimmt.
Auffällig ist, dass es sich die Ängste abhängig vom Bildungsgrad stark unterscheiden. Befragte mit Abitur oder Uni-Abschluss sorgen sich vor allem um Klimawandel und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Solche mit mittleren oder niedrigeren Abschlüssen haben vor allem Angst, dass sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert. Migration und Zuwanderung machen insbesondere Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad Sorge. Insgesamt wird die Angst vor »Ausländerfeindlichkeit« in der Shell-Studie aber nach wie vor deutlich häufiger genannt als die vor weiterer Zuwanderung. Mehr als die Hälfte der Befragten stimmt der Aussage zu: »Ich finde gut, dass Deutschland viele Flüchtlinge aufnimmt.«
Wenig »Woke«
Und welche Werte haben junge Menschen? Stabile Beziehungen, Familie, Freunde sind den allermeisten besonders wichtig. Daran ändert sich seit Jahren nichts. Für die aktuelle Studie stellten die Forscher zum ersten Mal auch Fragen zum Zeitgeist: Erfüllt die Jugend mehrheitlich das Klischee, »woke« zu sein? Isst sie vegan, gendert, findet sie Vielfalt und Feminismus wichtig?
Junge Frauen setzten hier im Schnitt deutlich öfter auf Werte, die als »progressiv« gelten, als junge Männer, heißt es in der Studie. 72 Prozent der jungen Frauen finden demnach etwa eine vielfältige, bunte Gesellschaft wichtig, bei den Männern sind es nur 56 Prozent. Auch wenn es um die Familiengründung geht, wünschen sich mehr junge Frauen als Männer eine eher partnerschaftliche Aufteilung von Beruf und Kinderbetreuung.
Auch in anderen Bereichen zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Dabei wird manches Klischee erfüllt: So setzen 21 Prozent der Mädchen und jungen Frauen auf vegane Ernährung, mit 7 Prozent findet dagegen nur ein Bruchteil der Männer den Verzicht auf Fleisch, Milch und Käse wichtig. Feminismus halten 59 Prozent der jungen Frauen für wichtig, aber nur 20 Prozent der Männer. 33 Prozent der jungen Frauen sind fürs Gendern, aber nur 12 Prozent der jungen Männer.
67 Prozent der jungen Männer hingegen sagen, dass sie Männlichkeit wichtig finden (Frauen: 20 Prozent). Fast die Hälfte der Männer begeistert sich für sportliche Autos und Motorräder (Frauen: 14 Prozent). Auch Markenkleidung und Wettbewerb sind für junge Männer wichtiger.
Dass junge Frauen im Schnitt progressiver sind und sich politisch auch öfter links verorten als junge Männer, erklärt Gudrun Quenzel, Co-Autorin der Shell-Jugendstudie, so: Junge Frauen hätten in den vergangenen Jahrzehnten eine Fülle neuer Möglichkeiten für sich gefunden, vor allem beruflich dank höherer Bildungsabschlüsse. »Sie haben keine Sehnsucht nach früheren Zeiten, etwa den Achtzigerjahren, als das öffentliche Leben noch viel mehr männlich dominiert war.« Gerade diese Sehnsucht nach einer Welt mit mehr männlichen Privilegien würden aber konservative und rechte Politiker oftmals bedienen, sagt Quenzel – und damit eher junge Männer ansprechen.
Zuversichtlich in die Zukunft?
Etliche Studien belegten zuletzt, dass psychische Auffälligkeiten und Erkrankungen wie Depressionen, Ängste und Mediensucht bei jungen Menschen stark zugenommen haben. Die Studie »Jugend in Deutschland« stellte fest, dass Jugendliche weiterhin »eine ungewöhnlich hohe mentale Belastung« empfinden. Stress, Erschöpfung und Selbstzweifel hätten deutlich zugenommen.
Nach solchen Themen fragt die Shell-Jugendstudie nicht. Sie zeigt jedoch, dass der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die optimistisch in die eigene Zukunft blicken, seit der letzten Befragung gesunken ist: von 58 auf 52 Prozent. Der seit fast 20 Jahren anhaltende Trend einer immer größer werdenden persönlichen Zuversicht sei damit gebrochen, stellen die Forscher fest.
Auch hier gibt es allerdings gegenläufige Trends, abhängig von der sozialen Herkunft der Befragten. So blickt aktuell fast die Hälfte der jungen Menschen aus einfacheren sozialen Verhältnissen zuversichtlich in die eigene Zukunft, bei der vorletzten Befragung 2015 war es nicht mal ein Drittel. Im Gegensatz dazu ist der Optimismus bei jungen Menschen aus privilegierteren Familien von 76 Prozent im Jahr 2015 auf aktuell 55 Prozent stark zurückgegangen. »Besser gestellte Jugendliche lassen die multiplen Krisen mehr an sich heran«, sagt Studienleiter Albert. »Und sie haben vermehrt Abstiegsängste oder sehen zumindest geringere Chancen für sozialen Aufstieg.«
Trotzdem ist die junge Generation insgesamt von einem Grundoptimismus geprägt. Allen Krisen und Kriegen zum Trotz blicken 56 Prozent der Befragten zuversichtlich in die Zukunft der Gesellschaft, so viele wie nie seit 2002.
»Diese Generation ist während der Pandemie mit massiven Einschnitten aufgewachsen, viele junge Menschen haben weiter mit den Folgen zu tun«, sagt Albert. »Aber sie haben auch erlebt, dass die Gesellschaft da irgendwie durchgekommen ist.« Das habe womöglich zu der Einstellung geführt: »Die Probleme sind groß, aber wir packen das irgendwie.«
Daher trage die Shell-Studie auch in diesem Jahr den Untertitel »Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt«. Sie hätten lange diskutiert, sagt Albert, ob sie wirklich »wie jedes Mal in den vergangenen 20 Jahren« den Begriff »pragmatisch« verwenden sollten. Aber das sei einfach der Begriff, der einen großen Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen weiterhin treffend beschreibe.